Mit chronischen Wunden immer zum Gefäßspezialisten gehen

Patienten leben jahrelang mit chronischen Wunden, ohne der Ursache nachzugehen. Riskant für die Betroffenen  -  und ein Riesengeschäft für die Industrie.

Gefäßchirurg Dr. Stefan Mann muss immer wieder jüngeren Menschen ein Bein abnehmen: vor allem Diabetikern, deren Durchblutungsstörungen nicht erkannt wurden. „Die kommen mit offenen Wunden in den Beinen und spüren es nicht“, sagt der Regensburger Facharzt.  Auch bei Patienten mit  Krampfadern und daraus resultierenden Geschwüren passiert  das.

Die chronischen Wunden,  mit denen der Gefäßchirurg und seine Kollegen im Regensburger Castra-Regina-Center täglich zu tun haben,  stammen nicht von Verletzungen oder Operationen. Sie entstehen durch eine Störung im Gefäßsystem, also den Arterien, Venen oder Lymphgefäßen. „Oft werden über Jahre hinweg nur die offenen Stellen behandelt, ohne die Ursache abzuklären“, kritisiert Dr. Mann.

„Die Industrie verdient viel Geld mit Wundauflagen.“ Dabei müsse vorrangig die Ursache behandelt werden. Wenn eine Hautwunde, vor allem an den Beinen, nicht heilt, müsse sich das ein Gefäßmediziner ansehen: mit Ultraschall die Venen und Arterien begutachten und bei einer Untersuchung das Lymphsystem in Augenschein nehmen.

Häufigste chronische Wunden sind das durch Krampfadern bedingte Geschwür am Innenknöchel und das offene Bein des Diabetikers. Schreckliche Folge: die Amputation. Oder ein früher Tod, denn eine nicht entdeckte Gefäßerkrankung verringert die Lebenserwartung drastisch.  „Ein arterienkranker Patient mit offener Wunde lebt durchschnittlich nur noch 18 Monate“, betont Dr. Stefan Mann vom Regensburger Ärztenetz. Es handle sich um eine Systemerkrankung, weil die Blutgefäße den gesamten Körper versorgen. „Die Betroffenen sterben am Schlaganfall oder an Herzerkrankungen.“

Der Arzt rät Patienten, bei Hautveränderungen oder beginnenden Wunden an den Beinen einen zertifizierten Gefäßmediziner aufzusuchen. Dieser soll in einem Netzwerk tätig sein, das gewährleistet, dass die Begleiterkrankungen behandelt werden können. Dr. Mann schätzt, dass in Regensburg und dem Umland 4000 bis 5000 Menschen mit chronischen Wunden leben. „Jeder kennt die Oma, die mit umwickelten Füßen in der Stube sitzt“, sagt er. In der Stadt Regensburg komme das dank der engen Kooperation im Regensburger Ärztenetz kaum mehr vor (siehe auch Anhang). „Wir wünschen uns diesen Fortschritt auch für das Umland“, betont Dr. Lutz Röntgen, zweiter Vorsitzender des RÄ und ebenfalls Gefäßspezialist.

Als Beispiel nennen die Fachärzte eine 70-jährige Patientin aus dem Bayerischen Wald, die seit Jahren unter Krampfadern litt. Ein Ekzem am Unterschenkel, später ein Geschwür, wurde monatelang mit Salbe und Pflaster behandelt. Als sie sich endlich die Krampfadern entfernen ließ, schloss sich die Beinwunde innerhalb von drei Wochen. „Ohne OP wäre die offene Stelle immer größer geworden, die alte Dame unbeweglich“, sagt  Dr. Mann.

Allmählich stellen die Gefäßchirurgen auch bei den Krankenkassen ein Umdenken fest, weil die Kosten für Wundauflagen explodieren. „Einsparungen von 1,5 Milliarden Euro wären möglich“, sind sie überzeugt.

 

 

 

 

 

Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete

Vernetzt: Durch die gute Vernetzung im Regensburger Ärztenetz (RÄ) ist in den letzten Jahren ein beträchtlicher Fortschritt bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden gelungen. 

Standardisiert: Im RÄ mit seinen 230 Medizinern ist es Standard, dass Patienten, die mit einer chronischen Wunde den Hausarzt aufsuchen, zum Gefäßspezialisten überwiesen werden.

Fachübergreifend: Oft ist hier eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mehrerer Ärzte und Therapeuten erforderlich (Diabetologe, Herzspezialist, Orthopäde, Lymphtherapeut, Rehafachleute, Sanitätshäuser), die der Gefäßchirurg koordiniert. Ist die Ursache erkannt und behandelt, wird der Patient zur Wundtherapie in die bewährten Hände des Hausarztes übergeben.  

 

Foto: Wundtherapeutin Christine Scholz verbindet ein offenes Bein. Foto: Koller

Von: Marion Koller









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