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Heute sind sich Experten weitgehend darüber einig, dass Depression eine Krankheit ist. Zehn Prozent der Bevölkerung leiden einmal oder mehrmals im Leben daran. Ein Bündel von ärztlichen Maßnahmen hilft Depressiven.
75 Prozent der Erkrankten sind Frauen. Die Diagnose wird oft erst nach Jahren gestellt. Das Hindernis auf dem Weg zur richtigen Diagnose sind: Scham und Schuldgefühle der Patienten sowie Zurückhaltung der Ärzte.
Unterschiedliche Zustände werden unter der Bezeichnung Depression zusammengefasst: - schlechte Laune und Bedrücktheit - Verstimmung ohne echte Beeinträchtigung der Lebensbewältigung - Stimmungstief von mehrwöchiger Dauer, mit unter Mühen aufrechterhaltener Arbeitsfähigkeit - Darniederliegen von Zuversicht und Lebensfreude, die Krankheit der -losigkeit: Lustlosigkeit, Schwunglosigkeit, Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit, Kraftlosigkeit - Depressiver Wahn: Fehleinschätzung von Menschen und Situationen mit absoluter Gewissheit, Katastrophenüberzeugung
Ursachenmodelle:
Lange Zeit wurden die verschiedensten Überlegungen zu den Ursachen der Depression erbittert von den jeweiligen Vertretern als allein richtig verfochten. Heutzutage denkt man, dass alle Modelle ihre Berechtigung haben:
- Biologisch-medizinische Richtung: Veränderung von Botenstoffen, Nervenleitgeschwindigkeiten, vorgegebenen Eiweißstrukturen und Stoffwechselvorgängen im Gehirn - Psychoanalyse: Traumatische Erfahrungen in der Kindheit, halb vergessen und dennoch weiter wirkend bis ins hohe Erwachsenenalter, und Situationen, die an frühe Verletzungen anknüpfen, aktivieren Gefühle der Hilf- und Wertlosigkeit. - Lerntheorie: Frühe Erfahrungen prägen die Eiweißstrukturen im Gehirn und legen so Spuren. In die so vorbereitete Kerbe träfe bei jeder neuen, irgendwie ähnlichen Erfahrung der gleiche Schlag und bahne so die Depression.
Dies alles zusammen bestimmt Einstellungen, Erlebnis- und Verhaltensweisen, die entscheiden, ob jemand sich als Glückspilz oder eher als Pechmarie erlebt.
Wie fühlt eine Depression sich an? - quälende, düstere Stimmung, Grau in Grau, Langeweile, Erschöpfung - Ruhelosigkeit trotz Erschöpfung - Lähmung und Gefühle der Leere - Beziehungslosigkeit (man gehört irgendwie nicht dazu, Dinge und Umstände gehen einen nichts an) - Entwertung (die eigene Leistung zählt nicht) - Gefühlsarmut (kein Vergnügen, aber auch keine Trauer und kein Mitgefühl, keine Anteilnahme ) - Körperliche Beschwerden (Schmerzen, Schwindel, Schwitzen, Magen-Darmstörungen usw.) - Schlafstörungen (Rückzug in Schlaf oder Schlaflosigkeit)
Beziehungen zu den anderen: - Quälende Unsicherheit, Licht- und Lärmscheu - Rückzug (depressive Menschen mögen anderen nicht mehr gern begegnen, gehen nicht gern aus, meiden den öffentlichen Raum) - Peinigende Zwickmühle (Wunsch nach Rückzug und Alleinsein, Sehnsucht nach einem vertrauten, verständnisvollen anderen, der aber niemals verständnisvoll genug ist) - Groll
All diese Seelenzustände lösen bei anderen Menschen Reaktionen aus: Nach anfänglicher Hilfsbereitschaft, deren Begrenztheit aber deutlich wird, weil dem Kranken einfach nichts recht zu machen ist, nichts ihn je wirklich zufrieden macht, kommt es bei den anderen zu
- Verwirrung und Enttäuschung, und daraus folgend Ärger (Vorwürfe, Rückzug) - Ungeduld (Streit ) - Unverständnis (Schimpfen und Fordern) - Hilflosigkeit ("gute Ratschläge" und Rückzug) - Groll (Beziehungsabbruch)
Thema der Depression:
Jedes Thema, ist geeignet, zum Thema der Depression gemacht zu werden, wenn es nur irgendwie mit unerfüllten Wünschen in Zusammenhang gebracht werden kann. Besonders gut geeignet sind Verluste, Kränkungen, Erkrankungen, Organverlust.
In der Frauenheilkunde haben Beziehungen zur Depression häufig: - Schwierigkeiten mit der Antikonzeption - Kinderwunsch, der alles andere verdrängt - Wechseljahre und die Grübeleien um die Hormonbehandlung - Sexualstörungen
Zugrunde liegende und begleitende, unbewusste Gefühle und Folgen im Verhalten: - Hilflosigkeit, Zorn, Ärger, Neid - deswegen Schuldgefühle - Enttäuschung über sich selbst und über andere - Erschöpfung
Körperliche Symptome einer Depression sind häufig Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Herzbeschwerden, Übelkeit und Schwindel.
Wir Frauenärzte sehen Depressionen vor allem bei Patientinnen mit - immer wieder auftauchenden und dann anhaltenden, dumpfen Unterbauchschmerzen - beim Symptom der Reizblase, dem Krankheitsbild also, bei dem die Frauen jede Toilette in der Stadt kennen und ihre Wege danach einrichten - Das perimenstruelle Syndrom zeigt häufig Erlebnisweisen, die denen der Depression sehr nahe sind und auf die antidepressive Therapie gut ansprechen. - Bei manchem wiederkehrenden Juckreiz und Missempfindungen im Genitalbereich werden wir hellhörig. - Manche Frauen in den Wechseljahren in ihrer ängstlich-melancholischen oder auch ärgerlich-gereizten Verfassung bringen uns auf die Idee, eine Depression stecke dahinter. - Manchmal ist auch der unerfüllte Kinderwunsch, wenn dieser zum ausschließlich lebensbestimmenden und damit extrem einengenden Thema wird, eigentlich das Thema einer Depression. - Last but not least kann auch die häufiger geklagte Lustlosigkeit, auch in Bezug auf Sex, Ausdruck mangelnder Lebensfreude und damit einer Depression sein.
In der gynäkologischen Sprechstunde sind die lebensgeschichtlich bedingten und Anpassungsleistungen erfordernden Schwellensituationen häufig, die unangenehme und leidvolle, aber doch beherrschbare Störungen des seelischen Gleichgewichtes zur Folge haben.
- Der Übergang vom Mädchen zur jungen Frau, die erste Mutterschaft - Der lange Weg durch die Ebene einer undefinierten Paarbeziehung, der Höhepunkte und wichtige Merkmale, gemeinsame Biographiegestaltung und erreichte oder angestrebte gemeinsame Ziele fehlen - Das qualvolle Gebundensein in einer unglücklichen Ehe, in der man keine gemeinsamen Freuden und Ziele mehr findet, aber glaubt, ohne den anderen könne man gar nicht existieren - Das Leben als Single, von dem aus man wehmütig auf die scheinbar doch so glücklichen Paare schielt - Das Leben als allein erziehende Mutter, mit der typischen Überforderung und daraus erwachsenden Enttäuschung - Der schmerzliche Übergang von der doch noch eigentlich jungen Frau, die immer noch auf die Erfüllung ihres Lebensglückes hofft, ins Leben mit grau werdenden Haaren und mit schlaffer werdender Haut und Muskulatur - Verluste von geborenen und ungeborenen Kindern, von geliebten Menschen, Verlust der Gesundheit, der Arbeit, des Besitzes
Behandlungswege:
Heutzutage sind die Experten sich gottseidank endlich weitgehend darüber einig, dass eine Depression eine Krankheit ist und folglich behandelt werden muss. Das gelingt am sichersten wenn die verschiedenen Entstehungswege, Ausprägungen und Ursachen berücksichtigt werden.
- Sport, besonders Ausdauersportarten, sind eine ausgezeichnete Möglichkeit, Gefühle der Schwäche und Hilflosigkeit, der Enttäuschung und der Aggression loszuwerden. Die Bereitstellung körpereigener Glückshomone wird durch körperliche Anstrengung gefördert. Die Bewegung aktiviert und lässt das Grübeln verschwinden. Die Aufnahme in eine Gruppe schenkt das Gefühl, dazu zugehören, und trägt so erheblich zur seelischen Gesundheit bei. - Ein geregelter Tagesablauf mit angemessenen Pausen nach frühem morgendlichem Aufstehen - intensive Beschäftigung mit einer interessanten und geliebten Aufgabe - Östrogene, soweit die Verstimmungszustände hormonell bedingt sind, also besonders bei den älteren Frauen in und nach den Wechseljahren, helfen häufig mit ihrer stimulierenden und wach machenden Wirkung. - männliche Hormone, kundig und mit Vorsicht eingesetzt, können in manchen Fällen für eine deutlich fühlbare Stimmungsaufhellung sorgen. - Die Schilddrüse sollte bei depressiven Zuständen immer untersucht werden, da eine Fehlfunktionen zu depressiven Symptomen führt - Die modernen Antidepressiva, das sind gegen Depression wirksame Medikamente, sind heutzutage schneller wirksam, weniger mit Nebenwirkungen behaftet und leichter anzuwenden als das früher der Fall war. Wenn allerdings die Therapie mit einem Wirkstoff nicht ausreicht, sondern eine Kombination mehrerer verschiedener Antidepressiva notwendig würde, wird der Frauenarzt in der Regel mit einem Nervenarzt zusammenarbeiten. - Psychotherapie: Die gedankliche Arbeit an Vorstellungen, Einstellungen, Erwartungen und Verhalten ist darüber hinaus hilfreich, will man der einengenden und isolierenden Kraft depressiver Grübeleien und Verhaltensweisen dauerhaft widerstehen und nicht angewiesen bleiben auf Medikamente.
Im Gespräch mit dem Arzt oder dem Psychotherapeuten ist zu prüfen - ob die gelernten und bisher geübten Sicht- und Verhaltensweisen günstig sind im Hinblick auf ein zufriedenes Leben - ob es vielleicht Erweiterungen und Veränderungen geben kann, die mehr Zufriedenheit, vielleicht sogar mehr Glücklichsein möglich machen. - Trauer und Verzicht können neue Freiheit und neue Ziele eröffnen - Versöhnung mit eigenem und fremdem Versagen kann festgefahrene Beziehungen beleben - Realitätsprüfung ermöglicht den Abschied von kindlichen Allmachts- und Perfektionsidealen
Von: Dr. Ursula Rost
   
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