Damit Darmkrebs keine Chance hat: Regelmäßige Vorsorge

Darmkrebs entwickelt sich in über 90 Prozent der Fälle aus gutartigen Vorstufen. Diese Polypen können bei einer Darmspiegelung entdeckt und entfernt werden. Doch zu wenig Menschen nutzen die Vorsorgeuntersuchung.

Jährlich erkranken über 50 000 Menschen in der Bundesrepublik an Darmkrebs, zirka 30 000 sterben daran. Das Lebenszeitrisiko für das colorektale Karzinom (Darmkrebs) beträgt in Deutschland zirka sechs Prozent.

Das Risiko von Verwandten ersten Grades mit einem colorektalen Karzinom oder Adenom (gutartiger Tumor) liegt doppelt so hoch. Frauen und Männer zusammengerechnet ist das kolorektale Karzinom der häufigste Krebs und die zweithäufigste Ursache aller krebsbedingten Todesfälle in Deutschland.

Der Darmkrebs entwickelt sich in über 90 Prozent der Fälle aus gutartigen Vorstufen, den adenomatösen Polypen, die endoskopisch nachgewiesen werden. Durch konsequente Abtragung der Adenome kann das kolorektale Karzinom wie kein anderer Krebs verhindert werden. Darüber hinaus ermöglicht die Früherkennung des Karzinoms eine dauerhafte Heilung in einem sehr hohen Prozentsatz.

Kolonkarzinome im Stadium Dukes A (keine Darmwandüberschreitung, kein Befall regionaler Lymphknoten) haben eine Heilungsquote von 90 Prozent. Im Stadium Dukes D (bei Fernmetastasen) sinkt diese Rate auf unter zehn Prozent.

In der groß angelegten amerikanischen Prospective National Polyp Study wurde 1993 gezeigt, dass die erwartete Inzidenzrate kolorektaler Karzinome um 76 bis 90 Prozent sinkt, wenn Kolonadenome konsequent abgetragen werden. Diese Daten wurden im Jahr 2001 in einer italienischen Studie bestätigt.

Deutschland nimmt bezüglich der Prävalenz (Häufigkeit einer Erkrankung in einer bestimmten Population zu einem bestimmten Zeitpunkt) des kolorektalen Karzinoms im europäischen Vergleich die Spitzenposition ein. 10/02 wurde deshalb in einem weltweit bislang einzigartigen bevölkerungsweiten Früherkennungsprogramm die Vorsorge-Koloskopie bei gesetzlich krankenversicherten Personen ab dem abgeschlossenen 55. Lebensjahr mit der Möglichkeit einer Wiederholung nach zehn Jahren eingeführt.

Die ersten Daten zur Wirksamkeit der Früherkennungs-Koloskopie (Darmspiegelung) liegen für das erste Jahr (10/02 bis 9/03) nach Einführung vor (J. Knöpnadel, L. Altenhofen und G. Brenner, Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der BRD, Berlin 10/2004). Im genannten Zeitraum wurden 314 000 Früherkennungs-Koloskopien durchgeführt.

Ausgewertet wurden bisher 126 950 Dokumentationsbögen. Die Beteiligungsrate der über 22 Millionen Berechtigten lag nur bei 1,7 Prozent. Am häufigsten nahmen Personen der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen an der Untersuchung teil.

Folgende Befunde wurden erhoben:

Karzinome 0,67%
Fortgeschrittene Neoplasien ca. 6%
(Adenom > 1 cm, villöser Anteil,
hochgradige Dysplasie, Tis)
Adenome 18,1%
Hyperplastische Polypen 10,2%

Die Prävalenz von Adenomen und fortgeschrittenen Neoplasien (Gewebeneubildungen) lag bei Männern und bei älteren Patienten deutlich höher.

Komplikationen traten in insgesamt 714 Fällen (5,6 Promille) auf, davon 424 (3,4 Promille) Blutungen fast immer nach Polypektomie (Polypenentfernung), 45 (0,4 Promille) Perforationen und 245 (1,9 Promille) kardiopulmonale Komplikationen. Im Vergleich zum Risiko, an Darmkrebs zu sterben, eine geringe Gefahr, denn ab dem 55. Lebensjahr beträgt das Risiko, in den nächsten 25 Jahren an Darmkrebs zu sterben, 1:33.

Überraschend ist, dass z. B. im Quartal 1/03 aus 140 000 abgerechneten Beratungsgesprächen nicht mehr als 6000 Vorsorge-Koloskopien resultierten. Das entspricht einem Verhältnis Aufklärungsgespräch zu Koloskopie von etwa 23:1.

Unabhängig von der Vorsorge-Untersuchung sind Koloskopien frühzeitig erforderlich, wenn eine familiäre Belastung mit Darmkrebs, Brustkrebs oder Unterleibskrebs besteht. Verwandte ersten Grades von Darmkrebs-Patienten haben ein nahezu doppeltes Risiko gegenüber der Durchschnittsbevölkerung.

Wenn ein Angehöriger vor dem 60. Lebensjahr erkrankt ist, folgt eine weitere drei- bis vierfache Risikosteigerung sowie eine nochmalige Risikosteigerung, wenn mehr als ein Verwandter ersten Grades betroffen ist. Daraus folgt die Notwendigkeit der Durchführung von Koloskopien im Abstand von fünf Jahren ab dem 40. Lebensjahr, wenn ein enger Angehöriger vor dem 60. Lebensjahr betroffen ist, bzw. ab dem 35. Lebensjahr, wenn ein enger Verwandter unter 45 Jahren betroffen ist.

In der amerikanischen Minnesota-Studie und anderen Studien wurde durch die regelmäßige Testung auf okkultes Blut im Stuhl eine signifikante Reduktion der Dickdarmkrebs-bedingten Mortalität nach 18 Jahren um 23 bis 33 Prozent durch Verschiebung der Tumorstadien zu den prognostisch günstigeren UICC-Stadien I und II nachgewiesen.

Als weitere Krebsvorsorgemaßnahme wird deshalb seit 10/02 mit Ende des 50. Lebensjahres der Okkultblut-Test (z. B. Haemoccult) 1x jährlich, mit Abschluss des 55. Lebensjahres alle zwei Jahre angeboten, sofern die Vorsorge-Koloskopie nicht wahrgenommen wird.

Der Test auf okkultes (verborgenes) Blut ist ein sensibler Screening-Test, der aber nur dann erfolgreich ist, wenn eine aktuelle Blutung besteht. Polypen oder Karzinome, die zur Zeit des Testes nicht bluten, werden nicht erfasst. Er muss deshalb konsequent jährlich eingesetzt werden. Trotzdem entgeht etwa die Hälfte der Karzinome bei diesem Test dem Nachweis.

Wenn ein Test positiv ist, ist die Durchführung einer Koloskopie obligat. Es ist falsch, ein positives Testergebnis zu kontrollieren, um dann im negativen Fall keine weitere Diagnostik zu veranlassen. Werden diese Konsequenzen nicht gezogen oder wird eine sichtbare peranale Blutung ignoriert, so steigert sich das Risiko, ein mögliches Karzinom in ein Stadium zu verschleppen, welches nicht mehr heilbar ist.

Von: Dr. Hans Worlicek









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