Input und Output: Hörfehler kann Sehfehler bedingen

Wenn ein Kind undeutlich spricht, kann das am Hörvermögen liegen. Je früher die Eltern reagieren, desto besser.

 

Elena (6) kommt in die Facharztpraxis für Sprach- und Stimmstörungen, weil sie das s und sch nicht artikulieren kann. Beim Hörtest fällt auf, dass die fast Sechsjährige hohe Töne kaum wahrnimmt. Sie erhält ein Hörgerät, das sie gut akzeptiert. Ein Logopäde betreut sie bis zum Schulstart im Herbst.

Elena (Name geändert) ist eine kleine Patientin aus Dr. Iris Hakes Praxis. Das Mädchen kam fast zu spät, denn der grundlegende Spracherwerb mit allen wesentlichen Strukturen und Lauten sollte am vierten Geburtstag bereits gefestigt sein.

Etwa jedes fünfte Kind leidet wie Elena an Sprachstörungen. Doch richtiges Reden und Verstehen sind Grundvoraussetzungen für eine rege geistige Entwicklung und soziale Beziehungen. Oft ist ein Hörfehler schuld, wenn ein Kind nicht flüssig und fehlerfrei sprechen lernt.

Kleine, die im Alter von 18 Monaten bis zu zwei Jahren noch nicht reden, sollten von einem Pädaudiologen oder HNO-Arzt untersucht werden. „Unbedingt einen Hörtest machen!“, appelliert Pädaudiologin Dr. Hake an die Eltern.

Kinder, die Probleme mit den Ohren haben, artikulieren sich häufig undeutlich, kommen mit der Grammatik nicht zurecht oder der Wortschatz ist gering. Die U-Untersuchungen bringen das an den Tag. Manchmal weisen Erzieherinnen die Eltern darauf hin.

„30 Prozent der Kinder, die wir sehen, haben einen Paukenerguss“, beobachtet die HNO-Medizinerin vom Regensburger Ärztenetz. Dabei wirkt Flüssigkeit im Mittelohr wie ein Schalldämpfer. Weil die Hörfähigkeit allmählich nachlässt, gewöhnen sich Eltern und Nachwuchs oft daran. Erst wenn der Arzt z. B. bei einer Mittelohrentzündung in den Gehörgang schaut, fällt es auf.

Eine Sprachstörung kann aber auch mit einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung zusammenhängen, etwa im Bereich der Sensomotorik. Manchmal führen Grunderkrankungen wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur falschen Artikulation.

Nach einer ausführlichen Diagnostik kann die Pädaudiologin feststellen, wieso ein Kind gar nicht oder undeutlich redet. Daran orientiert sich die Behandlung. Beim Paukenerguss hilft ein Paukenröhrchen, damit der Druckausgleich im Ohr wieder funktioniert, bei einem Hörfehler ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat. Ein kleiner Patient mit allgemeiner Entwicklungsverzögerung wird an die Ergotherapeuten überwiesen. Liegt eine Behinderung vor, sollte das Kind vielfältig gefördert werden.

Als Hauptbezugspersonen können Mütter und Väter die Sprachentwicklung stark beeinflussen. „Nachahmen ist sehr wichtig“, betont die Medizinerin. Das machen Kinder aber nur, wenn eine Person mit ihnen redet, nicht der Fernseher.“ Es gibt im Alltag viele Möglichkeiten. Dr. Hake nennt Singen, Bilderbücher ansehen und die Geschichten mit Gesten verbinden, mit Figuren arbeiten, bei Kitzelspielen reimen. Auch beim Memory kann man auf Sprache achten, indem jedes Bild laut bezeichnet wird.

Bei der sechsjährigen Elena übrigens hat die Ärztin jetzt ein gutes Gefühl. „Ich bin mir sicher, dass sie einen Riesensprung macht.“

 

 

 

 

 

Zusatzinfo:

-HNO-Ärztin Dr. Hake ist auch Fachärztin für kindliche Stimm- und Sprachstörungen (Phoniatrie und Pädaudiologie).

-Sprachentwicklung: Bis zum Ende des ersten Lebensjahres sollte sich ein Sprachverstehen ausgebildet haben. Die Kinder können in der Regel erste, kleine Aufforderungen umsetzen. Mit eineinhalb Jahren sollten sie einzelne Wörter artikulieren. Der aktive Wortschatz eines Zweijährigen sollte etwa 50 Begriffe umfassen. Ein Jahr später liegt der aktive Wortschatz normalerweise bei weit über 100 Ausdrücken.

-Sprachdiagnostik: Diese untersucht, ob das Kind die Wörter richtig einsetzt und versteht; ob die Grammatik korrekt ist; den Umfang des Wortschatzes; wie genau die Artikulation ist. (ko)

 

 

Bild: Amelie (4) beim Hörtest. Foto: Koller

 

Von: Marion Koller









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