Hoffnung für Diabetiker: Neuartige Medikamente kommen

Sieben Prozent der Deutschen leiden an Diabetes Typ 2, früher Alterszucker genannt. Das sind allein in der Stadt und dem Landkreis Regensburg 25000 bis 30000 Menschen. Für sie kommen noch 2007 völlig neuartige Medikamente heraus.

Wer die Krankheit nicht mit richtiger Ernährung und ausreichender Bewegung in den Griff bekommt, ist auf Medikamente angewiesen. Die Forschung hat einen Riesenschritt gemacht: Sie eröffnet noch 2007 spektakuläre neue Therapiemöglichkeiten. Ärzte hoffen, dass diese neuen Medikamente das Fortschreiten des Diabetes stoppen. Im Tierversuch ist das gelungen.

In USA sofort vergriffen

Das neue Antidiabetikum Exenatide (Bayetta der Firma Lilly) soll ab Mai in Deutschland auf den Markt kommen. Es ist in Europa bereits zugelassen. Exenatide ist ein so genanntes Dünndarmhormon (Inkretin) und veranlasst eine deutliche Steigerung der Freisetzung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse, ohne dass es aber zu einer starken Absenkung des Blutzuckers (Hypoglykämie) kommt.

Zusätzlich zur vermehrten Freisetzung von Insulin nach einer Mahlzeit haben die Inkretine aber noch viele andere, sehr wünschenswerte Eigenschaften:
- Sie unterdrücken die zu starke Freisetzung des Insulin-Gegenspielers Glucagon
- Sie bremsen die Magenentleerung, was zu weniger hohen Blutzuckerwerten nach dem Essen führt
- Sie verstärken das Sättigungsgefühl
- Sie verbessern (bisher nur im Tierexperiment bewiesen) die Funktion der Insulin herstellenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse, so dass die Zuckerkrankheit nicht weiter fortschreitet

Natürliche Dünndarmhormone haben das Manko, dass sie nur für kurze Zeit im Blut stabil sind und deswegen therapeutisch nicht eingesetzt werden können. Deswegen hat man so genannte Inkretin-Mimetika (analoge Hormone) geschaffen, die aber zweimal täglich, ähnlich einer Insulininjektion unter die Haut gespritzt werden müssen. Die Vorlage für das neue Inkretin-Mimetikum liefert die amerikanische Krustenechse „Gila Monster“, aus deren Speichel ursprünglich Exenatide entwickelt wurde.

Zunächst soll Bayetta (Exenatide), das nach seiner Zulassung in Amerika sofort vergriffen war, bei Typ 2-Diabetikern, die mit anderen Medikamenten keine ausreichende Blutzuckerkontrolle erreicht haben, eingesetzt werden (Tagestherapiekosten in USA $ 4,40). Bei diesen Patienten konkurriert das Medikament mit Insulin, das ebenfalls injiziert werden muss oder inhaliert wird.

Therapiekosten noch nicht bekannt

Genauso wie man Dünndarmhormone zur Steigerung der Insulinproduktion injizieren kann, kann man auch den raschen Abbau durch die Gabe von so genannten Gliptinen hemmen. Kurz vor der Markteinführung 2007 steht das Präparat Sitagliptin (Januvia von der Firma MSD).

Dadurch lassen sich wünschenswerte Wirkungen beim Typ 2-Diabetiker erzeugen:
- Verbesserung des Nüchtern-Blutzuckers und des Blutzuckers nach dem Essen
- Keine Unterzuckerung unter Therapie
- Keine Gewichtszunahme
- Absenkung des Blutzucker-Langzeitwertes (HbA1c)
- Im Tiermodell: Vermehrung der Insulin herstellenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und Verbesserung von deren Funktion

Sitagliptin wird als 100 mg Tablette einmal täglich eingenommen, unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Die Therapiekosten sind noch nicht bekannt. Auch die Gliptine eignen sich natürlich gut für eine Kombination mit anderen Diabetes-Medikamenten.

Ob die Krankenkassen eine Erstattung für Gliptine und Inkretine übernehmen, bleibt momentan noch nicht abzusehen. Insgesamt werden aber die neuen Medikamente einen deutlichen Fortschritt bei der Therapie des Diabetes-Patienten bewirken. Hoffentlich wird es damit gelingen, noch mehr Betroffene vor den schlimmen Endfolgen der Krankheit wie Dialyse, Amputation, Herzinfarkt oder Erblindung zu bewahren.

Der Qualitätszirkel (QZ) Diabetes und Ernährungsmedizin des Regensburger Ärztenetzes besteht seit 2004. Vier Mal im Jahr kommen die rund 15 Teilnehmer, hauptsächlich Hausärzte aus Regensburg und dem Umland, zusammen. Sie diskutieren neue wissenschaftliche Erkenntnisse und setzen sie anschließend im Praxisalltag um. Auch besprechen die Ärzte Therapieabläufe und strukturieren diese, wenn nötig, um. Eines der Themen im QZ, den Internist Dr. Reinhard Kellner leitet, stellen die neuen Medikamente für Typ 2-Diabetiker dar.

Von: Dr. Reinhard Kellner









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