Wenn der Zeitgeist nach künstlichen Vitaminen verlangt

In den Regalen von Drogeriemärkten und Apotheken reihen sich Hunderte von Vitaminprodukten. Doch wir brauchen sie nur in Ausnahmefällen.

Die Versuchung ist groß. Warum nicht mit Nahrungsergänzung nachhelfen, wenn wir über Wochen das gesunde Essen vernachlässigt haben? Wenn das Haar stumpf wirkt, die Nerven blank liegen, die Nase kitzelt. Doch der Ernährungsmediziner Dr. Günther Kreisel winkt ab. „Die Behauptung, wir wären mit Vitaminen unterversorgt, ist eine Masche der Industrie – es sei denn, jemand ernährt sich extrem ungesund.“ 

Da sogar viele Fertigprodukte mit Nahrungszusätzen angereichert sind, komme Vitaminmangel in Deutschland höchst selten vor.  „Die ganze Diskussion dient dem Geschäft und entspricht auch dem Zeitgeist“, stellt Internist Kreisel fest. „Wir wollen eben alle etwas für unsere Gesundheit tun.“

Zahlreiche Untersuchungen hätten gezeigt, dass zusätzliche Vitamingaben nichts nützen. Beispielsweise erhielten Herzpatienten Vitamin E, konnten aber nicht vor einem Infarkt geschützt werden. „Alle medizinischen Fachgesellschaften empfehlen eine gesunde Ernährung, von einer zusätzlichen Vitamingabe raten sie ab“, betont der Internist vom Regensburger Ärztenetz.

Wer künstliche Vitamine überdosiert, kann sogar gesundheitliche Probleme bekommen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. Überdies verführt die Vitaminpille dazu, die bewusste Ernährung zu vernachlässigen.

Dr. Günther Kreisel nennt nur einige Ausnahmen, die auch bei Gesunden Vitamingaben nötig machen: Schwangere brauchen Folsäure. Veganern, die überhaupt keine tierischen Nahrungsmittel zu sich nehmen, fehlt häufig B12. Und bei Sonnenlichtmangel im Winter kann kein Vitamin D im Körper gebildet werden. Deshalb sollten ältere und Osteoporose gefährdete Menschen Vitamin D-Ersatz einnehmen.

An einem erkrankungsbedingten Vitamindefizit können auch Menschen mit gestörtem Verdauungssystem, Nierenkranke und Patienten auf der Intensivstation leiden. Diabetiker dagegen kommen ohne Nahrungsergänzung zurecht.

Allen Gesundheitsbewussten empfiehlt  Dr. Kreisel statt der Vitamintablette eine pflanzlich betonte Vollwert-Ernährung mit fünf Obst-, Salat-, Gemüseportionen am Tag („Five a Day“). „Wer sich abwechslungsreich ernährt, ist ausreichend versorgt“, betont der Mediziner. „Morgens oder als erste Zwischenmahlzeit Obst und zu jeder Hauptmahlzeit etwas Grünes - Gemüse, Salat oder Rohkost.“ Im Winter stellt Tiefkühlgemüse eine gute Alternative dar.

Damit die Vitamine auch wirklich auf den Teller gelangen, sollten die Lebensmittel frisch, saisonal und möglichst ökologisch sein sowie weitgehend aus der Region stammen. Wichtig: kurze, dunkle, kühle Lagerung und schonendes Kochen.

Bewusstes Einkaufen, bewusste Ernährung liegen Dr. Günther Kreisel  am Herzen. „Die Wertschätzung für das Essens ist  zu gering“, bedauert er. „Man füllt sich halt den Bauch.“ Für ihn bedeutet gesunde Ernährung auch: umweltgerechte Herstellung und fairer Handel. Regensburg sei  bestens versorgt mit Bauernmärkten und Bioläden. Auf die höheren Preise angesprochen, empfiehlt er: Weniger kaufen und dafür nichts wegwerfen.

 

 

 

Die Vitamine und ihre Wirkung:

-Vitamine: Wirkstoffe, die im Körper Wachstum, Regeneration und Stoffwechsel regeln

-Herkunft: der Körper kann sie meist nicht selbst herstellen, deshalb müssen sie mit der Nahrung zugeführt werden

-Weg: Die Vitamine kommen mit der Nahrung in den Darm und gelangen von dort ins Blut und in die Körperzellen

-Tagesbedarf: Je nach Vitamin unterschiedlich; gesamter Tagesbedarf aller Vitamine: etwa 0,1 Gramm

-Vorkommen und Wirkung: Vitamin A (Retinol): Karotten, Salat, Spinat, Melone, Milchprodukte, Fisch, Leber  (gut für Augen, Immunabwehr);  Vitamin B1  (Thiamin): Vollkorn, Naturreis, Nüsse, Innereien (für Nerven, Herzmuskel);   Vitamin B2 (Riboflavin): Spinat, Brokkoli, Pilze, Milchprodukte, Innereien (für Haut, Nägel, Schleimhäute);   Vitamin B3 (Niacin): Vollkorn, Mais, Pilze, Geflügel, Innereien  (für Nerven, Haut); Vitamin B5 (Pantothensäure): Vollkorn, Pilze, Innereien (für Wundheilung, Haut, Haare, Hormon-/Blutbildung);  Vitamin B6 (Pyridoxin):  Zucchini, Lauch, Paprika, Linsen, Banane, Geflügel (für Nerven, Haut, Blut);  Vitamin B7 (Biotin): Banane, Johannisbeere, Maracuja, Pilze, Nüsse, Innereien, Eigelb (für Haut, Blut); Vitamin B9 (Folsäure): Kohlsorten, Soja, Erdbeere, Kirsche, Nüsse (für Blut, Embryonalentwicklung);   Vitamin B12 (Cobalamin):  Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch, Innereien (Blutbildung, Muskulatur, Nerven);   Vitamin C (Ascorbinsäure): Früchte (v.a. Zitrusfrüchte), Paprika, Kartoffel (Immunabwehr, Bindegewebe);  Vitamin D (Calciferol): Pilze, Margarine, Butter, Fisch (Knochen, Knorpel, Immunabwehr);  Vitamin E (Tocopherol): Fenchel, Pflanzenöle, Nüsse, Fisch (Nerven, Haut, Gefäße);Vitamin K (Phyllochinon): Kohl, Kopfsalat, Spinat, Linsen (Blutgerinnung, Knochen).

Von: Marion Koller









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