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Verfolgt man die medizinischen, pädaudiologischen und kinderpsychiatrischen Veröffentlichungen, dann drängt sich der Verdacht auf, dass Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen der nachwachsenden Generation zum Problem geworden sind.
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) - eine mögliche Ursache für die Lese-/Rechtschreibschwäche?
1. Wie ist die Lage der Vorschul- und Grundschulkinder?
Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen der nachwachsenden Generation scheinen zum Problem geworden zu sein, möglicherweise in Form von Kommunikationsstörungen, in denen sich gesellschaftliche Schwachpunkte widerspiegeln. Eltern, Erzieher, Lehrer und Betreuer klagen, dass eine nicht geringe Anzahl von Kindern sich in der Schule ebenso „verweigert“ wie in der Familie oder in der Freizeitgestaltung.
Dieses Phänomen mag zunächst aussehen wie das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). Hinter dieser Bezeichnung stehen einerseits medizinische Probleme und anderseits familiäre Tragödien. Ein Sonderfall ist die sogenannte Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), durch die besonders der Schulerfolg scheitern kann. Nicht selten kann die AVWS Vorbote einer Lese- und Rechtschreibstörung sein! Deswegen ist es wichtig, diese Störung als zentrale Hör- und Sprachstörung im Kindes- und Schulalter früh zu erkennen und wenn möglich gezielt zu therapieren.
2. Was bedeutet AVWS?
Die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) gliedert sich in Störungen der Verarbeitung akustischer Informationen und in solche ihrer Wahrnehmung, besonders von Sprachinhalten (sh Konsensuspapier 2007 in HNO 1-2007/55 (66-72 : DOI 10.1007/s00160-006-15073 von HNO-Ärzten, Pädaudiologen, Kinder- und Jugendpsychiatern und Pädagogen).
Dabei können die zentralen Funktionen der Hörwahrnehmung beeinträchtigt sein, wie Richtungshören, Trennung von Nutz- und Störschall (Sprachverstehen im Umgebungslärm), das dichotische Sprachverstehen, bei dem auf beiden Ohren gleichzeitig dargebotene Wörter gehört und nachgesprochen werden müssen; die auditive Aufmerksamkeit und Konzentration, die Analyse, Identifizierung und Unterscheidung von Klangmustern (Lautdifferenzierung wie „Kragen“ / „tragen“ oder „Haus“ / „Maus“) und die auditive Merkfähigkeit in Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.
Einige Kinder haben mit diesem „genauen“ (scharfen) Hören große Schwierigkeiten, obwohl die Hörkraft, die Funktion des sogenannten peripheren Hörgangs der Hörschnecke, völlig in Ordnung ist. Diese Einschränkung der Hörschärfe bei regelrechter Hörkraft wird als auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung oder auch zentrale Hörstörung oder Fehlhörigkeit bezeichnet.
Ursachen können sein gestörte Verarbeitungsprozesse im Hirnstamm oder in der Hörrinde des Grosshirns, z. B. durch Sauerstoffmangel des Kindes während/nach der Geburt, zurückliegende Schallleitungsschwerhörigkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter, aber auch erbliche und umgebungsbedingte Faktoren.
3. Warum ist das genaue Hören für das Erlernen von Lesen und Schreiben so wichtig?
Beim Lesen- und Schreibenlernen muss das Kind zunächst lernen, gehörte Wörter in Einzellaute zu zergliedern (z. B. Oma in O-M-A) und diese Einzellaute den richtigen Buchstaben zuzuordnen. Die Laut- zu Buchstabenzuordnung gelingt umso leichter, je lautgetreuer die Worte sind. Man nennt diese Fähigkeit phonologische Bewusstheit. „Als Gefühl“ für größere sprachliche Einheiten wie Wörter, Silben und Reime lässt sie sich schon im Kindergartenalter beobachten. In der Schule zeigt sich die phonologische Bewusstheit als grundlegende Fähigkeit, vorgesprochene Wörter in ihre Lautbestandteile zu zerlegen.
4. Was ist zu tun?
HNO-Ärzte, Fachärzte für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen, Kinder-/Jugendärzte und Kinderpsychiater werden bei solchen Kindern in speziellen Untersuchungen ermitteln, ob es sich tatsächlich um eine Hörkraftschwäche also um eine zentrale Hörstörung bzw. Fehlhörigkeit oder um eine sogenannte „echte“ Lese-/Rechtschreibschwäche handelt. Ist das zentrale Hören im Sinne einer Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung beeinträchtigt, werden die Ärzte eine individuelle, am Störungsschwerpunkt des Kindes ausgelegte Therapie, in der Regel logopädische oder ergotherapeutische Übungstherapien, in Einzelfällen auch andere Maßnahmen wie die Anpassung eines sprachverstärkenden Hörgerätes, vorschlagen.
Kosten für die Therapie einer AVWS werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Die Aussichten auf eine deutliche Verbesserung der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung ist nach aktuellen Erkenntnissen durchaus günstig, denn das Ziel ist immer eine Stabilisierung der Hörschärfe, damit die Basis für ein erfolgreicheres Erlernen der Schriftsprache geschaffen wird. Liegt eine primäre Lese-/Rechtschreibschwäche (Legasthenie, umschriebene Lernschwäche vor), müssen pädagogische und schulpsychologische Maßnahmen erfolgen (außerschulische Förderung n. § 35a SGB VIII, Nachteilsausgleich in der Schule). Die Kosten hierfür übernehmen die Krankenkassen nicht.
Die Fotos: Mädchen beim zentralen Hörtest, Querschnitt durch das Gehirn des Menschen, im dem die Nervenbahnen und Verknüpfungen des Auditorischen Systems zu sehen sind: Ganglionspirale unten links = Innenohr; Hörrinde, die Heschel`sche Querwindung oben rechts mit Ton-und Musik-Wahrnehmung
Fragebogen zur auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsfähigkeit
Name: ..........................................geb. am ........................................ Datum: ................
Sehr verehrte Eltern,
bitte beantworten Sie nach Ihrem Wissen und nach Ihrer Einschätzung zum Hör- und
Konzentrationsverhalten Ihres Kindes folgende Fragen:
ja nein
1. Hört Ihr Kind oft nicht zu wenn es direkt angesprochen
wird?
2. Verfolgt Ihr Kind oft nicht aufmerksam genug Anleitungen
oder beendet Ihr Kind oft nicht Aufgaben/Spiele?
3. Hat Ihr Kind Schwierigkeiten Aufgaben oder Freizeit-
Aktivitäten zu organisieren?
4. Meidet Ihr Kind, oder mag es nicht Aufgaben, die eine
längere konzentrierte Aufmerksamkeit verlangen
(längere Schulaufgaben, längere Bastelarbeiten)?
5. Verliert Ihr Kind, oder vergisst es häufig Dinge (Stifte,
Bücher, Spielzeug usw.)?
6. Wird Ihr Kind leicht durch andere Einflüsse abgelenkt?
7. Vergisst Ihr Kind häufig Anweisungen oder Aufgaben?
8. Ist Ihr Kind oft unaufmerksam: z. B. macht Ihr Kind häufig
Flüchtigkeitsfehler bei Schulaufgaben
9. Ist Ihr Kind oft unaufmerksam: z.B. Flüchtigkeitsfehler
und Nachlässigkeiten bei kleineren Arbeiten zu Hause?
10. Hat Ihr Kind Schwierigkeiten, auf Dauer aufmerksam bei
einer Aufgabe oder einem Spiel längere Zeit dabei zu sein?
Besten Dank für Ihre Mühe. Damit erleichtern Sie uns die Arbeit und die Bemühungen
in der Untersuchung und Abklärung Ihres Kindes.
AVWSFrag/Logopädie/Tests Sprache Seite 2 von 2
Fragen zur auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsfähigkeit
(insbesondere bei hyperaktiven Kindern)
Name: ..........................................geb. am ........................................ Datum: ..................
Sehr verehrte Eltern,
bitte beantworten Sie folgende Fragen zur Aktivität und zum Verhalten Ihres Kindes:
ja nein
1. Bewegt das Kind häufig/oft unruhig seine Hände oder
Füße? Kann es nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen, und
rutscht unruhig umher?
2. Steht das Kind sehr oft auf, obwohl es sitzen bleiben
soll?
3. Rennt Ihr Kind oder klettert es häufig wild umeinander?
4. Hat Ihr Kind Schwierigkeiten, bei ruhigen Spielen
mitzumachen?
5. Bewegt sich Ihr Kind häufig so, "als ob es von einem
unruhigen Motor getrieben wäre"?
6. Spricht Ihr Kind sehr viel, ist es in seinem Redefluss oft
ungehemmt, redet es dauernd dazwischen, kann es
einem anderen kaum zuhören?
7. Beantwortet Ihr Kind schon Fragen, die noch gar nicht
gestellt wurden?
8. Hat Ihr Kind oft Schwierigkeiten abzuwarten, bis es an
der Reihe ist?
9. Unterbricht Ihr Kind häufig die Gespräche anderer
(Erwachsener und Kinder), redet es immer wieder
dazwischen, oder unterbricht es das Spiel von anderen?
Besten Dank für Ihre Mühe. Mit der Beantwortung dieser Fragen erleichtern Sie uns die
Arbeit und die Abklärung Ihres Kindes.
AVWSFrag/
Von: Dr. Matthias Weikert
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