Adipositas bei Jugendlichen – eine psychische Erkrankung?

Das Übergewicht ist ganz zweifellos eine der beunruhigendsten Seuchen unserer Zeit. Wir Deutschen sind zu dick! Schlimmer noch: Wir sind immer früher immer dicker. Laut einer großen Studie aus dem Jahr 2006 waren zu diesem Zeitpunkt 15% der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, 6,3% sogar adipös (stark übergewichtig). Wir müssen davon aus gehen, dass aktuelle Zahlen höher liegen.

Die Alpenklinik Santa Maria kümmert sich seit ca. zwei Jahrzehnten um übergewichtige Patienten. Eigentlich kurios. Denn das »Kindersanatorium Santa Maria« begann 1949 mit dem exakt gegenteiligen Therapieziel: Kriegsgebeutelte Stadtkinder mit Untergewicht wurden aufgepäppelt.

Heute sehen wir bei den übergewichtigen Patienten häufig eine Kombination der Gewichtsproblematik mit einer weiteren, schnell wachsenden Gruppe von Erkrankungen: Den psychischen Störungsbildern. Es drängt sich die Idee auf, die eine als Ursache für die andere zu begreifen. Ein Depressiver wird zum Frustesser und wird übergewichtig. Denkbar. Oder war es anders herum? Der Übergewichtige wird gemobbt und stigmatisiert und bekommt dadurch eine reaktive Depression. Manchmal bekommt der geneigte Psychologe das heraus – und manchmal nicht.

Die therapeutische Konsequenz bleibt die selbe: Beide Erkrankungen müssen behandelt werden. Bei mehr als der Hälfte unserer übergewichtigen Patienten lassen sich Symptome einer Depression beobachten. Ebenso treten Angststörungen unter den Übergewichtigen gehäuft auf. Die übersteigerten Ängste treten oft in sozialen Situationen auf, die Betroffenen meiden diese und isolieren sich dadurch. Ersatzweise werden soziale Kontakte nur noch beobachtet: Im Fernsehen. Oder sie finden im angstfreieren Raum statt: Im Internet. Beides macht den Patienten »bewegungsarm« – und noch dicker. Hier wird durch verhaltenstherapeutische Intervention die Angst gemildert, soziale Interaktionen werden geübt. Die altershomogenen Wohngruppen in Santa Maria sind ein trefflicher Trainingsplatz, um verloren gegangenes Kommunikationsverhalten zurück zu bringen.

Oben bereits genanntes Internet ist bei allem Segen, das es bringen kann, auch Fluch im Sinne einer suchtgefährdenden Materie. Patienten, welche 20 Stunden täglich »online-spielend« vor dem PC verbrachten, Schule schwänzten und in der richtigen Welt hilflos-aggressiv agierten – wir haben sie gesehen! Und es werden mehr. PC-/Internetsüchtig. Solch ein Lebenswandel bringt zwangsläufig die Adipositas ins Haus. Sehr real. Nicht virtuell ...

Jugendliche sind seltsam. In dieser Lebensphase sind viele mit sich selbst unzufrieden. Sie finden sich zu dick, zu dünn, zu häßlich, zu unwert ...

Wenn obige Selbstabwertungen ein krankheitswertiges Ausmaß annehmen, wird der innere Schmerz unerträglich. Und nur ein äußerer Schmerz kann den inneren überdecken, ihn lindern (Zitat einer Patientin). In der Regel wird der äußere Schmerz durch Ritzen der Arme erreicht. Immer wieder treffen wir adipöse Patienten, bei denen ihr Essverhalten deutliche Züge dieser selbstverletzenden Absicht trägt. »Ich mag dich nicht, also verletze ich dich – durch lebensbedrohliches Übergewicht«. Hier hat die gesamte therapeutische Mannschaft der Alpenklinik schiere Wunder zu bewirken: Selbsthass in das Gegenteil zu kehren, in Selbstvertrauen und –akzeptanz. Und dies bei Patienten, die genau das nicht wollen.

Patienten mit chronischen Erkrankungen müssen geschult werden. Das gilt für Adipositas ebenso, wie für Asthma und Neurodermitis. Vor dieser Schulung werden die Patienten interviewt. Wie lange hast du schon Übergewicht? Was ist damals passiert? Der häufigste Grund für eine Ernährungsveränderung mit Übergewichtsfolge ist eine Trennung der Eltern. Das Vakuum, das ein ehemals funktionierendes Familiensystem nach dessen meist »krachenden« Ende im Jugendlichen erzeugt, läßt sich trefflich mit Schokolade auffüllen. Fett und Zucker machen glücklich! Ein evolutionäres Überbleibsel aus schlechteren Zeiten. Wie auch schon weiter oben angeführt, gilt es hier nicht nur das Körperliche zu behandeln, sondern primär die Psyche zu pflegen.

Eine Menge Arbeit an der psychischen Front. In der Alpenklinik Santa Maria wird jährlich über 1000 Stunden mit den Patienten psychologisch gearbeitet. An der Übergewichtsfront kommt seit vielen Jahren das bewährte, klinikeigene Adipositas-Schulungsprogramm »Kilo-Killer Training« zum Einsatz. Selbstreflexion, Analyse des eigenen Essverhaltens, Stimmungs-Management und Ernährungsphysiologie sind wichtige Komponenten dieses Programms.

Zusammenfassend bleibt die Adipositas eine Erkrankung mit einem äußerst komplexem Bedingungsgefüge. Es bedarf der genauen Analyse der Ursachen und Folgen, wenn die Therapie gelingen soll. Aber eins steht fest: Die Psyche spielt oft eine schwerwiegende Rolle!

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