Unbehandelte Gelenkerkrankungen mindern Lebensqualität

Unbehandelte Gelenkerkrankungen schränken die Lebensqualität ein. Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose, damit die Gelenkzerstörung aufgehalten werden kann. Bei der Therapie sollten alle Fachrichtungen eng kooperieren.

„Mein Gelenk tut weh.“ „Mir tut alles weh.“ So lauten häufige Klagen beim Arzt. Ein Viertel aller hausärztlichen Patienten und mindestens zwei Drittel aller orthopädischen Patienten leiden an entzündlichen und degenerativen Gelenkerkrankungen.

Einer der Gründe für diese große Anzahl ist die demografische Entwicklung. Folgen der Gelenkerkrankungen sind häufig Arbeitsunfähigkeit und Berentung.


1. Überblick:

Systematik rheumatischer Erkrankungen:
Es gibt entzündliche Erkrankungen wie Chronische Polyarthritis (= “entzündliches Rheuma“), Morbus Bechterew (Versteifung der Wirbelsäule) und Systemischer Lupus erythematodes (Autoimmunerkrankung).

Degenerative Erkrankungen sind Arthrose und Bandscheibenschäden. Zu den weichteilrheumatischen Erkrankungen gehört beispielsweise das Fibromyalgie-Syndrom. Rheumatische Symptome als Begleitbefund sind Gicht oder Gelenkschmerzen bei Tumoren.


2. Diagnosefindung:

Wichtig ist die Vorgeschichte der Erkrankung: Der Arzt wird dem Patienten dazu folgende Fragen stellen: Ist die Erkrankung erstmals aufgetreten oder schon öfter? Seit wann? Plötzlich oder allmählich? Ist ein Gelenk betroffen oder schmerzen mehrere Gelenke? Hat sich der Patient verletzt? Führt er eine ungewohnte Tätigkeit aus oder hat sich die Arbeitsbelastung erhöht? Bessern sich die Schmerzen im Tagesverlauf? Liegt eine Morgensteifigkeit vor?

Welche Ernährungsgewohnheiten hat der Patient? Unter welchen Allgemeinbeschwerden leidet er? Gibt es eine vorangegangene Erkrankung? Wie sehen die bisherige Behandlung, die Eigentherapie, vorangegangene Diagnostik aus? Gibt es in der Familie ähnliche Symptome?


3. Die Untersuchung:

Der Allgemeinarzt oder Orthopäde untersucht alle Gelenke, die schmerzen, registriert Rötungen und Schwellungen. Er überprüft die aktive Beweglichkeit, die Statik und das Gangbild des Betroffenen. Der Mediziner kontrolliert auch, ob äußere Verletzungszeichen oder eine Überwärmung vorliegen.

Die Gelenkkonturen werden betrachtet.
Beweglichkeit, Bandapparat werden untersucht. Funktionsprüfungen sind sehr wichtig. Nicht zu vergessen sind eine Kontrolle von Wirbelsäule, Haut, Gefäßen, inneren Organen und eine neurologische Untersuchung.
Laboruntersuchungen werden angeordnet bei Hinweisen auf Stoffwechselerkrankungen, bei Entzündungen, einem unklaren Beschwerdebild und wenn die Behandlung nicht anspricht.

Im Labor werden getestet: Blutsenkung, Blutbild, CRP (=Entzündung), Niere, Leber, Zucker, Eiweiße, Harnsäure, Urin, Rheumafaktor, Eisen. In einem zweiten Schritt werden z.B. untersucht: Die Immunwerte, das etwaige Vorliegen von Borrelien, von antinukleären (gegen den Zellkern gerichteten) Faktoren oder Hepatitis.

Laboruntersuchungen sind auch nötig bei: spezieller Diagnostik bzw. Therapie; unsicherer Diagnose, ausbleibendem Behandlungserfolg, voraussichtlich hohem Behandlungsaufwand oder -risiko, unsicherer Prognose, bei Kindern und Jugendlichen.

Viele Fachgruppen arbeiten bei Gelenkerkrankungen zusammen: Orthopäde, Radiologe, Rheumatologe, Chirurg, Hautarzt, Urologe, Nuklearmediziner und Neurologe.

Bei Morbus Reiter zum Beispiel kommt es zu einem Harnwegsinfekt, einer Augenentzündung und einer Entzündung kleiner Gelenke. Deshalb werden Hausarzt, Frauenarzt, Augenarzt, Urologe und Orthopäde in die Behandlung mit einbezogen.

Folgende Aufgaben übernimmt der Hausarzt: Er stellt die Erstdiagnose, erkennt bedrohliche Zustände des Patienten, koordiniert die Behandlungsmaßnahmen, informiert den Facharzt über Begleiterkrankungen, er kennt die familiären Versorgungsmöglichkeiten und arbeitet mit dem Betriebsarzt zusammen.

Zur speziellen Diagnostik zählen: Ultraschall, Röntgenuntersuchung, Kernspin, Computertomographie, Szintigraphie, Gelenkpunktion und besondere Laboruntersuchungen.


4. Ausgewählte Krankheits- und Beschwerdebilder und ihre Behandlung:

Folgende Erkrankungen können an den Hand- und Fingergelenken auftreten: Polyarthrose (Degeneration vieler Gelenke), Rhizarthrose (Daumensattelgelenk), Rheumatoide Arthritis (entzündliches Rheuma), Gicht, Stoffwechselerkrankungen.

Die Erkrankungen am Schultergelenk: So genannte Periarthritis humeroscapularis (entzündlich oder degenerativ), Kalkschulter, Omarthrose (degenerativ), Entzündungen.

Die Erkrankungen an der Wirbelsäule: Spondylosis hyperostotica, Arthrose der kleinen Wirbelgelenke, Morbus Bechterew, Bandscheibenentzündung.

Die Erkrankungen des Hüftgelenks: „Hüftschnupfen“ bei Kindern, Coxarthrose (degenerativ), „Weichteil-Hüftschmerz“. Weichteil-Hüftschmerz etwa beim Nordic Walking kann zurückgehen auf eine spezifische muskuläre Überlastung bei unzureichendem Training.

Bei Monarthritis ist nur ein Gelenk betroffen, wobei wiederum viele Ursachen in Frage kommen:
Septische (infektiöse) Arthritis, kristall-induzierte Arthritis (Gicht, Pseudogicht), Borrelien-Arthritis (Syn. Lyme-Arthritis), reaktive (postinfektiöse) Arthritis. Sonderformen stellen polyartikuläre, d.h. viele Gelenke betreffende Erkrankungen (Arthritis psoriatica, chronische juvenile Arthritis bei Jugendlichen) dar und die aktivierte Arthrose.

Die Erkrankungen an Sprunggelenk und Fußgelenken: Arthrose, Spreizfuß, Gicht.


Therapie

Degenerative Erkrankungen:
Physikalische Therapie, Operation, Verbesserung äußerer Einflüsse, ergänzend: Antirheumatica, Punktion.

Entzündliche Erkrankungen:
Medikamentöse Behandlung mit Antirheumatica, Cortison, Methotrexat; Ergotherapie, Physikalische Therapie, Hilfsmittel, Operation.

Stoffwechselerkrankungen:
Ernährungsumstellung, Medikamente.


Zusammenfassung:

Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose, um die Gelenkzerstörung bereits im Anfangsstadium festzustellen. Der Arzt leitet dann die passenden Therapiemaßnahmen ein und entwirft ein individuelles Behandlungskonzept. Begleitkrankheiten und Begleitmedikation müssen berücksichtigt werden. Alle beteiligten Fachrichtungen sollten eng kooperieren.

Von: Dres. Biller, Graeff, Hülsmann









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