Inkontinenz: Eine Volkskrankheit, über die man kaum spricht

Nahezu jede fünfte Frau im Alter zwischen 25 und 75 Jahren verliert zeitweise ungewollt Urin. 70-Jährige leiden zu 40 Prozent darunter. Inkontinenz ist eine Volkskrankheit. Doch Betroffenen fällt es schwer, darüber zu sprechen.

Nur jede zweite harninkontinente Frau kann sich dazu durchringen, wegen ihres Problems ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bevor die Behandlung der Harninkontinenz erfolgt, ist zunächst eine genaue Diagnose nötig. Dabei unterscheidet man eine ganze Reihe unterschiedlicher Formen: die Belastungsinkontinenz, die Dranginkontinenz, die Mischharninkontinenz, die Überlaufinkontinenz, die Reflexinkontinenz und die extraurethrale Harninkontinenz.

Die häufigste Form, die Belastungsinkontinenz, tritt nur bei körperlicher Anstrengung auf und verursacht keinerlei Harndrang. Durch eine plötzliche Druckerhöhung im Bauchraum – wie etwa beim Lachen, Niesen, Husten oder Tragen von Lasten – kommt es zum unwillkürlichen Urinabgang.

Ursache ist in erster Linie eine Schwäche des Blasenschließmuskels und des Beckenbodens, oft als Folge von Geburten oder Operationen im kleinen Becken. Man unterscheidet drei Schweregrade: Urinverlust bei starker Anstrengung, Pressen und Husten (Stadium 1), beim Gehen und Aufstehen (Stadium 2) und bereits im Liegen (Stadium 3).

Die zweithäufigste Inkontinenzform – die Dranginkontinenz –ist durch plötzlich auftretenden, sehr starken und oft quälenden Harndrang charakterisiert, den die betroffenen Frauen nicht mehr unterdrücken können. Dies resultiert aus einer Überaktivität oder einer zu großen Empfindlichkeit des Blasenwandmuskels. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein: chronische Blasenentzündungen, neurologische Erkrankungen, psychische Reizzustände, Blasensteine oder sogar Blasentumore.

Bei nicht wenigen Frauen treten Symptome dieser beiden häufigen Formen gleichzeitig auf. Man spricht dann von der Misch-Harninkontinenz.

Die Überlaufinkontinenz wird verursacht durch eine erschwerte und unvollständige Blasenentleerung, die eine Überdehnung oder Lähmung der Blasenwandmuskulatur zu Folge hat. Sie kann auch als Folge von Operationen im kleinen Becken auftreten.

Die Reflexinkontinenz tritt in der Regel bei neurologischen Grunderkrankungen auf, die ein unwillkürliches Zusammenziehen der Blasenwandmuskulatur verursachen, das die Patientin nicht beeinflussen kann.

Die extraurethrale Harninkontinenz ist gekennzeichnet durch einen andauernden Urinfluss, der durch Fisteln (meist Operationsfolge) oder angeborene Anomalien im Bereich des unteren Harntraktes hervorgerufen wird.

Im Praxisalltag spielen vor allem die Belastungs-, die Drang- und die Misch-Harninkontinenz eine große Rolle.
Belastungs- und Dranginkontinenz werden allerdings völlig unterschiedlich behandelt.

Bei der Belastungsinkontinenz kommen zunächst konservative Maßnahmen wie Beckenbodengymnastik (am besten nach anfänglicher krankengymnastischer Anleitung), Gewichtsreduktion und in manchen Fällen auch Medikamente zum Einsatz. Falls diese Maßnahmen keinen ausreichenden Erfolg zeigen, wird letztlich zur Operation geraten.

Die Dranginkontinenz wird dagegen immer konservativ mit Medikamenten und/oder Toilettentraining behandelt. Lediglich im seltenen Fall eines Blasentumors ist eine Operation unumgänglich.

Wenn der behandelnde Arzt die betroffenen Frauen genau befragt, ist es in vielen Fällen gar nicht so schwierig, zwischen der Belastungs- und Dranginkontinenz zu unterscheiden. Leider sind aber nicht alle Patientinnen gleichermaßen in der Lage, ihre Beschwerden eindeutig zu artikulieren.

Darüber hinaus ist die Misch-Harninkontinenz relativ häufig anzutreffen. Deshalb sind meist gezielte Untersuchungen nötig, um in allen Fällen eine exakte Diagnosestellung zu ermöglichen.

Diagnoseverfahren, die eine genaue Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Inkontinenzformen erlauben, werden in allen urologischen Praxen des Raumes Regensburg durchgeführt. Nach eingehender körperlicher Untersuchung und sonographischer Abklärung des gesamten Harntraktes werden dabei vor allem urodynamische Messungen durchgeführt.

Eine große Bedeutung kommt hier der Zystomanometrie, der sog. „Blasendruckmessung“ zu. Dabei werden exakte Informationen über die Blasenkapazität und die Druckverhältnisse in der Harnblase gewonnen. Das Urethradruckprofil liefert wichtige Hinweise auf die funktionelle Harnröhrenlänge und den Verschlussdruck in der Harnröhre.

Mit dem Miktionszystogramm (dabei entleert die Patientin die kontrastmittelgefüllte Blase unter Röntgenkontrolle) können Erkenntnisse über die Fixierung der Blase im kleinen Becken gewonnen werden. Eine Zystoskopie (Blasenspiegelung) ist wichtig, um chronische Entzündungen, Blasenwandverdickungen, Harnröhren-Verengungen oder Blasentumore definitiv als Ursache ausschließen zu können.

Gerade seit Einführung minimal-invasiver Operationstechniken zur Behandlung der Belastungsinkontinenz, die meist in Lokalanästhesie durchgeführt werden, sind vor dem Eingriff entsprechende Untersuchungen von größter Wichtigkeit. Aufgrund der einfacheren Durchführung im Vergleich zu den bis vor wenigen Jahren etablierten Operationsverfahren ist die Zahl dieser Eingriffe mittlerweile stark angestiegen.

In den Medien – vor allem in der Laienpresse - werden diese Operationen (TVT-Band) nicht selten als eine Art „Allheilmittel“ bei der Harninkontinenz dargestellt. Falls jedoch bei einer Patientin mit Belastungsinkontinenz gleichzeitig Komponenten einer Dranginkontinenz vorliegen, kann ein solcher Eingriff zu einer deutlichen Verschlimmerung der Beschwerden führen.

Von der Deutschen Gesellschaft für Urologie existieren bereits seit Jahren allgemein anerkannte Leitlinien zur apparativen Diagnostik der Harninkontinenz. Diese haben sich in den urologischen Praxen bestens bewährt. Erst nach einer solchen fundierten und standardisierten Diagnostik ist eine sichere Entscheidung über die Art der Behandlung der jeweiligen Harninkontinenzform möglich.

Von: Dr. Peter Förster









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